Arnold schüttelt schnaubend seinen massigen Kopf. Nervös verlagert er seine 20 Zentner Lebendgewicht von einem Bein auf das andere. Der rotbraune Bulle ist es nicht gewohnt, angebunden zu sein. Aber heute kommt der Tierarzt und möchte bei ihm Blut abnehmen. Einmal im Jahr muss bei jedem Rind in Deutschland, das älter als 24 Monate ist, das Blut oder die Milch untersucht werden.
Grund dafür ist die IBR. IBR steht für „Infektiöse Bovine Rhinotracheitis“, die ansteckende Nasenluftröhrenentzündung des Rindes. Diese Infektionskrankheit ist hoch ansteckend und wird von einem Virus übertragen, dem „Bovine Herpes Virus Typ 1“ (BHV1). Deutschland gilt mittlerweile als BHV1-frei. Das war nicht immer so. Noch bis vor einigen Jahren kam es zu Krankheitsausbrüchen, die zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten führten. Ist eine Kuh an IBR erkrankt, geht ihre Milchleistung stark zurück, die Gefahr von Aborten ist groß, die geborenen Kälber sind empfindlicher und es kommt zu Kälberverlusten. Ein großer Schaden entsteht vor allem auch durch Exporteinbußen. Daher wurde in Deutschland die Sanierung der gesamten Rinderpopulation beschlossen, die erste „BHV1-Verordnung“ trat 1997 in Kraft und wurde immer wieder neu angepasst. Die aktuelle Fassung ist seit Dezember 2005 gültig. In Baden-Württemberg gehört die BHV1-Sanierung seit dem 01.01.2000 zu den medizinischen Pflichtverfahren. Seither muss jedes Jahr neu kontrolliert werden, ob die Bestände BHV1-frei sind. Bei Milchkühen durch die Kontrolle von jährlich zwei Tankmilchproben, bei Fleischrindern durch eine Blutprobe pro Jahr.
Darum muss Arnold Blut lassen. Und mit ihm noch seine 24 Frauen und zehn seiner Nachkommen. Sie haben das Alter erreicht, ab dem sie untersucht werden müssen. Arnold und seine Herde leben in einem Mutterkuhbetrieb. Der Betriebsleiter ist nun schon seit einiger Zeit damit beschäftigt, seine Tiere mit einem Lasso einzufangen. Man merkt ihm die Anstrengung an. Immer wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Zum Glück haben unsere Rinder alle Hörner, da erwischt man sie mit dem Lasso ganz gut“ meint er, bevor er sich erneut mit ganzem Körpereinsatz ans Fangen macht. Er versucht, das Lasso über die Hörner der Tiere zu legen. Ist das geschafft gibt es einen Ruck, die Schlaufe um die Hörner zieht sich zusammen. Der Landwirt schlingt das freie Ende des Lassos um irgend einen Pfosten im Stall. Was gerade in der Nähe ist. Langsam verkürzt er nun das Lasso, bis das gefangene Tier sehr nahe am Pfosten fixiert ist. Nach diesem Kraftakt legt er dem Rind ein Seil als Halfter um den Kopf. Das Tier wird an das Fressgitter geführt und dort angebunden. „Es gibt auch ein paar Kühe, die muss man nicht fangen. Sie lassen sich das Halfter einfach so um den Kopf schlingen“ erzählt der Betriebsleiter, als er wieder zu Atem kommt. „Aber das sind mittlerweile nur noch wenige, das sind die Alten. Die hatten wir früher noch im anderen Stall in Anbindehaltung und haben sie gemolken. Die Jungen sind nicht mehr so zutraulich und vor allem kennen sie es nicht, angebunden zu sein.“
Das Lasso hat ihm seine Nichte mal aus den USA mitgebracht. Arnold wurde allerdings nicht mit dem Lasso gefangen, das wäre viel zu gefährlich. Der Zuchtbulle wurde mit Kraftfutter in das Fressgitter gelockt und dort schnell von der Nichte mit einer starken Kette an das Gitter gebunden. „Leider lassen sich nicht alle so fangen“ sagt die gelernte Landwirtin und promovierte Agrarwissenschaftlerin. Um den Kopf frei zu bekommen, hilft sie ihrem Onkel gerne mal im Stall aus. Vor allem an solchen „Großeinsatz-Tagen“ wie heute. Sie erklärt, dass sich die schlankeren Kühe und Jungrinder viel zu schnell aus dem Fressgitter befreien könnten. So schnell könne man die schwere Kette gar nicht um deren Hals legen. Doch das Lasso tut seine Wirkung, nach einer Stunde stehen alle 35 Tiere in Reih und Glied angebunden und erwarten den Veterinär.
Dieser hat Routine. Seit über zehn Jahren praktiziert er als Tierarzt und hat schon bei vielen Rindern Blut abgenommen. „Natürlich ist jedes Mal ein bisschen anders und man darf nie vergessen, dass man es mit großen und starken Tieren zu tun hat. Trotz Routine ist Vorsicht geboten“, sagt er. Dann geht er zusammen mit dem Betriebsleiter die Reihe der angebunden Rinder entlang. Bei jedem Tier die gleiche Prozedur: Der Tierhalter drückt den Schwanz des Tieres nach oben. Der Arzt sticht mit einer Kanüle in die große Vene an der Unterseite der Schwanzwurzel und fängt das herausfließende Blut in einem Röhrchen auf. „Unangenehm wird es, wenn sie ausschlagen“ meint der Landwirt. Und dann fügt er noch grinsend hinzu „Fürchte das Pferd von hinten, das Rind von vorne und die Frau von allen Seiten!“ Den Humor verliert er eigentlich selten. Die eine oder andere Kuh ist aber doch sehr nervös und möchte sich nicht pieksen lassen. Mit fester Hand und ruhiger Stimme bringt er das Tier dazu, still zu halten.
Die Nichte ist derweil damit beschäftigt, dem Arzt die gefüllten Röhrchen mit den Blutproben abzunehmen, ihm frische anzureichen und alles sorgsam zu beschriften. Es ist wichtig, dass es zu keinen Verwechslungen kommt. Falls eine der Blutproben doch einmal positiv ausfallen sollte, muss man schnell handeln. Das betroffene Tier wird dann umgehend aus der Herde entfernt. Denn auch eine Impfung würde den Virusträger nicht komplett virusfrei machen, der Impfschutz ist also nicht absolut sicher. Ein erkranktes Tier müsste bis an sein Lebensende alle sechs Monate neu geimpft werden. Solch ein Risiko geht niemand ein. Abgesehen davon wäre so ein hoher wirtschaftlicher und arbeitstechnischer Aufwand unverhältnismäßig.
Die Landwirtsfamilie hatten bislang aber Glück, noch nie wurde bei ihnen ein Tier positiv getestet. „Das liegt natürlich auch daran, dass wir keine fremden Tiere zukaufen“ sagt der Bauer. „Zugekaufte Tiere sind immer ein Risiko. Sie können Keime einschleppen, die im Bestand nicht vorkommen und gegen die die hiesigen Tiere keine Immunabwehr entwickelt haben.“ Doch auf seinem Mutterkuhbetrieb ist dieses Risiko gering, da ausschließlich die eigene Nachzucht in die Mutterkuhherde übernommen wird. Und auch für Arnold ist die Welt bald wieder in Ordnung. Er hat den kleinen Pieks kaum gespürt, ist mittlerweile nicht mehr angebunden und tut sich an der Extraportion Kraftfutter gütlich, die extra für ihn bereit gehalten wurde.
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