„Da kommt der stinkende Bauer!“ Wenn Landwirtskinder in der Schule zu Mobbingopfern werden

Frieder (Name geändert) ist eigentlich ein fröhliches Kind. Er liebt es, seinem Vater und seinem Großvater im Stall und auf dem Acker zu helfen. Dass er wegen der weiten Entfernung des elterlichen Hofes zum nächsten Ort nur wenig Kontakt mit anderen Kindern hat, macht ihm nicht viel aus. Er spielt viel mit seinen jüngeren Geschwistern oder auch ganz alleine mit seinen Spielzeugschleppern und ist ständig draußen unterwegs.

In der Grundschule hat Frieder keine Probleme. Doch als er ab der fünften Klasse in die Stadt muss, um aufs Gymnasium zu gehen, verändert er sich zusehends: Er ist nach der Schule mürrisch und aggressiv gegen seine Geschwister. Frieder wird trotzig, will ständig neue Klamotten und duscht sehr viel. Die Mutter denkt zunächst, dass es sich um ein normales pubertäres Verhalten handelt. Als aber Frieder immer wieder Geld braucht für neue Schulsachen oder weil die Turnschuhe „verschwunden“ sind, wird sie stutzig.
Frieder beginnt zu kränkeln, morgens wir ihm häufig übel und er kann nicht in die Schule gehen. Komischerweise bringt ihm niemand die Hausaufgaben und wenn die Mutter bei Klassenkameraden anruft, bekommt sie oft ausweichende Antworten, zum Beispiel, dass es keine Hausaufgaben gäbe. Die Mutter sucht das Gespräch mit der Lehrerin. Dieser ist an Frieder jedoch nichts ungewöhnliches aufgefallen, außer, dass er ein bisschen zu still sei und sich ruhig mehr in den Unterricht einbringen könne. Auf die Frage nach einem besten Freund, fällt der Lehrerin niemand ein. Frieder sei wohl eher ein Einzelgänger.

Eines Tages kommt Frieder mit verdreckter Kleidung und Schrammen im Gesicht nach Hause. Er bricht noch vor dem Mittagessen regelrecht zusammen. Seit Wochen würde er beschimpft, geschubst, geärgert, ausgegrenzt. Am Anfang sagten die anderen „du Bauer“, wenn er kam und hielten sich die Nase zu. Niemand wollte neben ihm sitzen oder Gruppenarbeit mit ihm machen. Manchmal lägen Zettel auf seinem Platz: „Wetten, Du verkackst heute wieder den Vokabeltest? Man kann es jetzt schon riechen…“
Eine Gruppe von älteren Schülern hätte ihm dann angeboten ihn zu beschützen, wenn er ihnen regelmäßig „Kleingeld“ für Süßigkeiten gebe. Genau diese Schüler hätten ihn dann im Schüler-VZ unter „Landflirt“ verlinkt und sagten, sie würden ihn bei „Bauer sucht Frau“ anmelden. Heute habe es Frieder nicht mehr ausgehalten und einen der Quälgeister geschubst. Daraufhin hätten sie ihn zu dritt in die Mangel genommen und verprügelt. Und wenn er petzte, dann würde es nur noch schlimmer…

Die Eltern von Frieder gehen wutentbrannt zur Schulleitung und bekommen erst einmal zu hören, dass das wohl alles nicht so schlimm sei. In diesem Alter gäbe es nun mal Auseinandersetzungen zwischen Jungs und hier an diesem Gymnasium wäre bisher nie etwas Außergewöhnliches aufgefallen. Schulpsychologen gibt es nicht an dieser Schule und so lassen sich die Eltern erst einmal beschwichtigen. Sie reden ihrem Jungen ins Gewissen, dass er sich eben wehren müsse. Sie sprechen die Eltern eines beteiligten Klassenkameraden an, doch diese können sich nicht vorstellen, dass ihr Kind so etwas macht.
Die Ausgrenzungen gehen weiter. Frieder wird weiterhin geärgert, kann wegen psychosomatischer Beschwerden immer wieder nicht in die Schule gehen, doch die Schulleitung reagiert nicht auf die Hinweise von Frieders Eltern. Erst, als ein weiteres Kind in Frieders Klasse Probleme mit den Klassenkameraden bekommt, werden einige Lehrer doch aufmerksam und es wird eine Konferenz einberufen.

In der Schule wird mit einem auswärtigen Erlebnispädagogen eine Projektwoche durchgeführt. Er schaut sich die Dynamik in der Klasse an und diskutiert mit den Schülern. Die Klasse spielt Rollenspiele zu Stärkung der Klassengemeinschaft. Die Täterschüler werden mit ihren abwertenden Mustern konfrontiert, die Mitläuferschüler werden sensibilisiert – es zeigt sich, dass diese Mitläufer häufig selbst sehr viel Angst hatten, als nächstes Opfer auserkoren zu werden, und deshalb mitgezogen haben.
Frieder geht mit seiner Mutter zur Erziehungsberatungsstelle, dort werden gemeinsam Strategien erarbeitet, wie er sich ein wenig schützen kann und wo er Hilfe bekommt, wenn er von Gewalt bedroht wird. Den Eltern wird geraten, zu Hause das Selbstbewusstsein von Frieder aufzubauen und ihm zu helfen, mit anderen Kindergruppen Kontakt aufzunehmen. Frieder findet im Modellflugzeugbau ein Hobby und gewinnt darüber einen neuen Freund, der ihn auf dem Bauernhof besucht. Endlich kann er sich in einer Situation erleben, in der er sich nicht als Opfer fühlt.

Frieder hat zwei Jahre lang gelitten und erst in der siebten Klasse beginnt er langsam, sich wieder zu stabilisieren. Es bleibt zu hoffen, dass der sensible Umgang mit seiner Situation durch Eltern, Lehrer und Berater anhält und Früchte trägt. Sonst könnte er selbst eines Tages zum Mobber werden.


Interview zum Thema Mobbing: 

Esther Spellenberg, Diplom-Sozialpädagogin, arbeitet in Ihrer Praxis in Bad Urach als systemische Paar- und Familientherapeutin

Frau Spellenberg, warum bieten gerade Landwirtskinder Angriffsfläche für Mobber?

Mobbing kann allen passieren. Eine scheinbar seltsame Eigenheit genügt, um gemobbt zu werden. Ein Aspekt dabei kann der Beruf der Eltern sein. Und der Begriff „Bauer“ ist zumindest in der Stadt häufig mit abwertenden Aspekten besetzt: Der Bauer stinkt, der Bauer gilt als einfältig und weltfremd. Schuld daran ist auch die Entwicklung unserer Mediengesellschaft hin zu einer gewissen Abwertungskultur. Mit Spott wird bewusst Quote gemacht, zum Beispiel bei dem Format „Bauer sucht Frau“. Dort werden zum Teil besondere Exoten ausgesucht, über deren Tollpatschigkeit dann die ganze Nation lacht. Das führt zu einem verzerrten Bild des Berufs Landwirt.

Gibt es Kinder, die besonders Gefahr laufen, gemobbt zu werden?

Es gibt durchaus eine Art Opferprofil. Ängstliche, sehr angepasste Kinder mit geringem Selbstwertgefühl und unsicherem Verhalten werden am ehesten zu Opfern. Wenn sie sich zudem noch nicht an die ungeschriebenen Gesetze der Jugendlichen halten – wenn sie zum Beispiel keine Markenklamotten tragen oder unüblichen Hobbys nachgehen – macht sie das zu Außenseitern. Wenn Landwirtskinder auf entlegenen Höfen aufwachsen, kann es sein, dass die Kontakte mit Gleichaltrigen fehlen. Kommen Aspekte wie ein gewisser Silage- oder Stallgeruch an den Kleidern hinzu, werden sie schnell zur Zielscheibe.

Warum wird so viel und so schnell gemobbt? Was bewegt die Täter?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Viele Täter kommen selbst aus schwierigen Verhältnissen und können sich nur dadurch aufwerten, indem sie andere klein machen. Um noch einmal auf die Medien zu kommen: Sich über andere lustig zu machen und dadurch dann gut dazustehen ist zu einer regelrechten Kultur geworden. Der Respekt vor dem Gegenüber sinkt. Vielmehr wird dem Mobbingopfer die Schuld an der Situation gegeben: „Der ist selbst schuld, warum ist er auch so komisch.“ Oder: „Das war doch alles nur ein Witz, die versteht halt keinen Spaß.“

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind gemobbt wird? Und wie sollten sie reagieren?

Eines ist klar: Das Ausprobieren von Macht und Ohnmacht ist ein ganz normaler kindlicher Mechanismus. Dennoch gibt es ganz klare Warnsignale für Mobbing. Wenn das Kind plötzlich nicht mehr zur Schule gehen will, obwohl es eigentlich ein guter Schüler ist. Oder wenn vor allem morgens vor der Schule psychosomatische Probleme wie Bauchweh oder Übelkeit auftreten, gilt es, wachsam zu sein. Fehlen zudem immer wieder Schulsachen oder kommt das Kind vermehrt mit kaputten Kleidern nach Hause, muss man unbedingt an Mobbing denken. Die erste Maßnahme ist, mit dem Kind zu sprechen und vor allem die Aussagen des Kindes ernst zu nehmen und zu glauben. Das Kind muss merken, dass es von den Eltern Hilfe erwarten kann. Dann ist ein Gespräch mit dem Lehrer unumgänglich. Zeigt sich dieser uneinsichtig, sollten Schulleitung oder Elternbeirat mit einbezogen werden. Außerdem kann man sich bei Beratungsstellen Hilfe holen.

Kann man dem Mobbing vorbeugen?

Von Seiten der Schulen sollte das Thema Mobbing offen diskutiert werden. In Projektarbeiten, im Schullandheim, bei Vorträgen und Elternabenden. In den Klassen muss es klare Regeln für einen wertschätzenden Umgang miteinander geben und es muss den Schülern klar gemacht werden, dass Mobbing keine Bagatelle ist. Denn im schlimmsten Fall kann Mobbing tödlich sein. Sei es durch Selbstmord oder auch durch unkontrollierte Gewaltausbrüche der Opfer. Von Seiten des Elternhauses ist es wichtig, im dichten Kontakt zu seinem Kind zu sein. Zuhören, ernst nehmen, das Problem zusammen mit dem Kind reflektieren. Wenn Eltern ihr Kind in Dingen stärken und fördern, die es gut kann, gelingt es dem Kind, Selbstwertgefühl aufzubauen. Und wenn ein Kind in der Schule Probleme mit den Mitschülern hat, sollte man als Eltern dem Kind aktiv helfen, an anderen Stellen wie in Vereinen oder Jugendgruppen Kontakte zu knüpfen. Eltern müssen sich auch im Klaren darüber sein, dass sie mit ihrem eigenen Verhalten dem Kind ein Vorbild sind. Jeder sollte sich fragen: Welches Bild gebe ich ab? Fühle ich mich selbst als Opfer, das von allen verlassen auf verlorenem Posten kämpft? Erlebt mich mein Kind nur jammernd und wehklagend über die Ungerechtigkeit der Welt? Oder gehe ich womöglich selbst respektlos mit Menschen um, die anders sind als ich? Begegne ich allem Fremden mit Abwehr oder Aggression?

Wie sollen die gemobbten Kinder reagierten?

Auch das Opfer selbst sollte sich Hilfe suchen, bei Eltern, Lehrern, Freunden oder zum Beispiel bei seelsorgerischen Stellen wie der Telefonseelsorge für Kinder, der „Nummer gegen Kummer“. Hilfe bieten an erster Stelle Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter und Vertrauenslehrer. Gegenüber dem Täter helfen klare Signale wie ein lautes „Stop“ oder auch die direkte Ansprache wie: „Was willst Du eigentlich von mir?“ Ganz wichtig ist, dass das Mobbinggeschehen aus der Heimlichkeit heraus kommt. Denn gemobbt wird selten offen im Klassenzimmer vor dem Lehrer. Sondern auf dem Schulhof, im Bus, auf dem Schulweg. Deshalb sind die Lehrer oft tatsächlich überrascht, wenn sie von Mobbing in ihren Klassen erfahren. Doch auch von Seiten der Lehrer muss Mobbing sensibel wahrgenommen und klar dagegen Stellung bezogen werden. Die Opfer müssen unterstützt werden, den Tätern muss klar gemacht werden, dass ihr Verhalten unakzeptabel ist.


Links, Adressen, weiterführende Literatur:

Erziehungsberatungsstellen der Landkreises (im Telefonbuch oder im Rathaus erfragbar)

Nummer gegen Kummer:            Kinder- und Jugendtelefon: 0800 1110333
                                                Elterntelefon: 0800 1110550


Zöller, E.: „Ich knall Ihr eine!“ Emma wehrt sich, cbj-Verlag 2005

Mainberger, B.: Jede Menge Zoff. Was tun gegen Mobbing und Gewalt? dtv 2000

Alexander, J.: “Das ist gemein!“ Wenn Kinder Kinder mobben. So schützen und stärken Sie ihr Kind, Herder-Verlag 1999

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